„Oh nee, nicht jetzt“ – Gespräche beenden Teil 3

Jetzt noch ein dritter Teil – ja ist es denn so schwer, Gespräche zu beenden? Ja, das kann es. Ich werde in Trainings so häufig danach gefragt, wie wir uns aus Gesprächen freundlich rausziehen können, v.a. wenn es um Gespräche mit Menschen geht, mit denen wir es uns nicht verscherzen wollen, z.B. ein sensibler Kollege, mit dem wir weiter zusammenarbeiten wollen, mit dem Geschäftspartner, der sich nicht abgewürgt fühlen soll. Sie alle kommen ja mal ins Plaudern, wenn wir so gar nicht in der Stimmung sind. Umgekehrt ist das natürlich niemals der Fall ?

Anhängliche Gesprächspartner
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind auf einer Firmenfeier und möchten dort mal in lockerer Atmosphäre entspannte Gespräche mit Ihren Kollegen und Geschäftspartnern führen. Jetzt steht vor Ihnen schon seit geraumer Zeit Herr Müller, der ohne Punkt und Komma erzählt: Das Wochenende war toll, die Berghütte wunderschön, er konnte endlich mal wieder richtig abschalten und hat Tipps für Sie, wie Sie das auch können. Die interessieren Sie gerade nicht mehr, es ist zu viel, Sie möchten jetzt lieber mit Ihren anderen engen Kollegen sprechen und aus der Situation raus. Daher ganz einfach: Sie sagen ihm genau das. Z.B. indem Sie seinen Inhalt wertschätzen – Positives wird er sich anhören, ohne Sie sofort wieder zu unterbrechen – und danach wechseln Sie in die Zukunft: „Das klingt nach einem schönen Wochenende. Freut mich, Sie sehen auch sehr erholt aus, ich merke es Ihnen richtig an. Jetzt werde ich mir mal zu den anderen da vorne gehen.“ Herr Müller erwidert: „Gute Idee, ich komme mit.“ Ups.

Keine falsche Rücksicht
Okay, macht nichts, denn am Buffet angekommen, wenden Sie sich dann anderen Gesprächspartnern zu und reden mit ihnen. Indem Sie sich körpersprachlich abwenden, haben Sie gute Chancen, dass Herr Müller sich nicht mehr auf Sie konzentriert. Und es ist ja Ihr gutes Recht, auch mit anderen zu sprechen und nichts Verwerfliches. Viele haben in sich noch den Gedanken: „Wenn der andere mit mir sprechen möchte, dann möchte ich es ihm rechtmachen und dem nachkommen, auch wenn ich keine Lust habe.“ Nein, das müssen Sie nicht. Auch nicht, wenn es Ihr Chef ist. Dabei prüfen Sie vorher wie in Teil 1 beschrieben: Möchten Sie das Gespräch wirklich beenden oder ergibt es doch Sinn sich zu unterhalten, um die Beziehungsebene zu stärken oder wichtige Informationen zu erhalten? Grundsätzlich gilt: Natürlich dürfen Sie ein Gespräch beenden, auch wenn der andere das noch nicht möchte. Solange Sie gelassen und höflich sind, ist das auch beim Chef und bei Geschäftspartnern völlig in Ordnung.

Alternative anbieten
Ich habe häufig gelesen und gehört, dass dazu geraten wird, hartnäckigen Gesprächspartnern eine Alternative anzubieten. Denn es könnte ja sein, dass Sie merken, dass Herr Müller noch so viele Fragen an Sie hat und Sie merken, er fühlt sich jetzt gerade abgewürgt und ist enttäuscht, dass Sie sich schon anderen zuwenden. Dann könnten Sie eine Alternative anbieten, die die Enttäuschung abschwächt: „Das klingt nach einem tollen Wochenende und das sind gute Tipps. Lassen Sie uns doch später nochmal sprechen.“ Das hat erstmal den Vorteil: Für den Moment sind Sie raus. Aber was ist später? Möchten Sie wirklich später nochmal sprechen? Wenn nicht, erwecken Sie besser keine falschen Erwartungen. Das ist Ihrem Gesprächspartner gegenüber nicht fair und Sie selbst werden den Abend über im Hinterkopf haben: „Hoffentlich nimmt er das nicht ernst und redet nachher schon wieder von seiner Hütte.“ Wenn Sie die Alternative ernst meinen und später sprechen wollen, dann gerne.

Alternative anbieten, die ehrlich ist und dennoch an diesem Abend nicht mehr stattfinden wird
Ich spreche gerade von einer Situation, aus der Sie wirklich rausmöchten und Ihrem Gesprächspartner für diesen Abend kein Hintertürchen offen lassen. Zumindest nicht von Ihrer Seite aus. Deshalb verwende ich gerne eine Alternative, die ehrlich ist und die gleichzeitig an diesem Abend nicht mehr stattfinden wird: „Das klingt erholsam. Sie haben ja viele Tipps. Wenn ich einen Urlaub in einer Berghütte plane, komme ich darauf zurück. Das war interessant. Ich merke mir das. Dankeschön.“ Die Vorteile sind:
Diese Alternative wird vielleicht nicht nur an diesem Abend, sondern überhaupt nicht stattfinden, wenn Sie keinen Berghüttenurlaub planen. Und wenn doch, möchten Sie vielleicht doch Tipps haben.
Sie zeigen Herrn Müller, dass Sie auf die Meinung wertlegen. Unter diesen Umständen nimmt er das Beenden des Gesprächs leichter hin.
In Kombination mit der Vergangenheitsform (das „war“) und dem Dank machen Sie klar, dass das Gespräch für Sie beendet ist.
Diese Alternative funktioniert auch in meinem privaten Umfeld super bei einem etwas älteren sehr netten Herren, der mich immer wieder im Café nebenan anspricht, wenn ich dort sitze, Ideen sammle und schreibe. Er ist interessiert an meiner Arbeit, fragt viel und erzählt auch von sich selbst Interessantes. Das genieße ich. Manchmal habe ich nur eine halbe Stunde dort für mich, in der ich nachdenken oder etwas zu Ende schreiben möchte und dann ist der Zeitpunkt für mich nicht passend. Da sage ich dann: „Dazu haben Sie wirklich viel zu erzählen, ich merk das schon. Wenn das für mich mal wichtig wird, dann frage ich Sie.“ Und dann kann ich mich viel leichter verabschieden: „Jetzt mache ich mal weiter.“ – „Ja, ich auch.“ – „Bis zum nächsten Mal!“

Zeitrahmen vorgeben
Eine ganz banale Sache, die viele aber nicht tun, ist: Formulieren Sie ein Zeitlimit, und zwar gleich zu Beginn des Gesprächs. Denn wenn Sie erst kurz vor Schluss eines Gesprächs damit um die Ecke kommen, dass Sie jetzt loswollen, hatte Ihr Gesprächspartner keine Chance, seine Inhalte rechtzeitig so zu kürzen, dass er Ihnen wenigstens das für ihn Wichtigste mitteilen kann. Ob er diese Chance wahrnimmt, liegt dann zu einem großen Teil bei ihm. Sie müssen sich dann nicht „schuldig“ fühlen, weil Sie ihn abgewürgt haben. Formulieren Sie das Zeitlimit positiv – bei einem Besuch im Büro oder einem Anruf eines Freundes, Kollegen und Geschäftspartners sagen Sie z.B. „Klar, 5 Minuten hab ich.“ oder „Ich schau gerade auf die Uhr, weil es in 15 Minuten für mich losgeht, aber jetzt bin ich ganz bei Ihnen.“ So kann sich Ihr Gesprächspartner schon darauf einstellen, dass es jetzt kein ausgedehntes Gespräch wird und hat die Chance, seine Inhalte zu organisieren. Durch gezielte Fragen unterstützen ihn zusätzlich dabei, sein Gesprächsziel zu erreichen.

Stimmführung – Senden Sie keine Doppelbotschaften
Unterstreichen Sie Ihren Willen, das Gespräch zu beenden, mit Ihrer Sprache und Stimme: Knappe klare Sätze, eine mindestens mittlere Laustärke und vor allem: Sprechen Sie am Satzende auf Punkt. Denn wenn Sie beim Beenden des Gesprächs Ihre Stimme am Satzende immer wieder heben, senden Sie eine Doppelbotschaft: Auf der inhaltlichen Ebene führen Sie zum Ende. Auf der stimmlichen Ebene regen Sie durch eine Erhöhung Ihrer Sprechmelodie am Satzende (als ob ein Fragezeichen am Satzende steht) zum Weitersprechen an. Bei solch einer Doppelbotschaft, in der sich Inhalt und Stimme widersprechen, „gewinnt“ meist die Stimme. Das kennen Sie aus Situationen, in denen Ihnen Ihr Partner vielleicht mal mit einer genervten Stimmlage gesagt hat: „Ich hab doch gesagt, dass der Abend wunderschön war?!“ Hier glauben Sie auch eher seiner genervten Stimmlage als dass Sie das Wort „wunderschön“ irgendwie beruhigen würde. Wenn Sie also am Gesprächsende mit der Stimme immer wieder hoch gehen, hört Ihr Gegenüber das, was er evtl. sowieso hören will: Das Gespräch geht weiter. Daher: Stimme runter.

Härtefälle
Natürlich kann es immer sein – wie bei jeder anderen Methode auch – dass der Gesprächspartner weitersprechen möchte. Wenn Sie aber bis hierhin ausgeschlossen haben, dass das Gespräch in diesem Moment nicht doch wichtig ist, dass es nicht verschoben werden kann, wenn Sie Alternativen angeboten haben, Ihre eigenen Bedürfnisse in Form von Ich-Botschaften gesendet haben und der andere es immer noch nicht versteht, dann gibt es wirklich keinen Grund mehr, Rücksicht zu nehmen. Verabschieden Sie sich einfach.
So habe ich es auch meinem Vater gemacht, denn egal, welche Hinweise seine Zuhörer gegeben haben, jetzt zu gehen – er überhörte sie. Es war gar kein böser Wille, sondern er genoss es, sein Wissen weiterzugeben und im Austausch mit anderen Menschen zu sein. Deshalb waren bei ihm ganz klare Zeichen nötig und das eindeutige Abwenden, ohne dass er bereit dazu war: „Ich weiß, du möchtest noch viel erzählen, das ist auch schön, es geht nur jetzt nicht. Wir sehen uns nächste Woche.“ Da habe ich ihn dann stehen lassen und erst wenn ich drei Meter weg war, hat er verstanden, dass ich jetzt wirklich gehe und winkte mit einem Lächeln.