Tipps für ein selbstbewusstes Auftreten helfen oft nicht weiter, um in Diskussionen besser abzuschneiden. Denn es geht nicht um Regeln, sondern um Emotionen.

Diskussionen verlieren wir nicht deshalb, weil wir schlechte Argumente haben oder weil wir nicht wissen, wie sich Souveränität nach außen zeigt – die meisten kennen die Merkmale. Doch „befolge x,y und z“ bringt uns oft nicht weiter. Zum einen deshalb, weil Sprechstile bei unterschiedlichen Persönlichkeiten unterschiedlich wirken und zum anderen deshalb, weil der innere Status zu niedrig ist.

Ist er niedrig, zeigt er sich automatisch nach außen, egal wie genau wir wissen, was wir körpersprachlich oder stimmlich nun eigentlich tun müssten. Er fällt, sobald wir uns angegriffen fühlen. Dann passiert FFF – Fight, flight or freeze: Wir schießen zurück, wir ziehen uns zurück oder wir lassen das Reden unseres Gegenübers über uns ergehen, um uns im Nahhinein über diese Person zu echauffieren. Um das zu umgehen und angemessen reagieren zu können, ist es daher notwendig, die Reaktion an der Wurzel zu packen: daran, dass wir uns persönlich angegriffen fühlen.

„Nimm es nicht persönlich“ – Danke für den Tipp. Klappt nicht.

Warum? Ein Grund dafür ist unsere natürliche Reaktion auf Probleme: Wir reagieren auf sie nicht eindeutig, sondern es melden sich mehrere Meinungen in uns, intrapersonell, die sich gegenseitig widersprechen. Um innerlich mit diesen Ambivalenzen klar zu kommen, bilden wir „innere Anstandsregeln“ (nach Friedemann Schulz von Thun), die die als negativ bewerteten Stimmen verdrängen: Die sind viel zu spießig, wenig progressiv, faul, opfer-mäßig,  (wenig) feministisch, …

Wir entscheiden uns also für eine Position, die wir für moralisch richtig halten und die Teil unserer Identität ist. Wird das angegriffen, wird automatisch unsere Identität angegriffen. Wenn wir unsere Meinung ändern würden, würden wir selbst unsere Identität angreifen. Deshalb ist es so schwierig, Menschen umzustimmen. Manchmal sind Themen auch durch ihre Semantik oder Ethymologie moralisch aufgeladen wie zum Beispiel Rassismus.

Das Paradoxon des Guten

Das ist der Grund, weshalb gerade diejenigen, die sich besonders hohe moralische Maßstäbe gesetzt haben, in Gefahr geraten, sich schnell persönlich angegriffen zu fühlen und auch besonders hart zurückzuschlagen. Mit dem Ziel des Guten werden neue Feindbilder aufgebaut, zum Beispiel aktuell der „alte weiße CIS-Mann“.

Der Philosoph Gerhard Szczesny brachte es so auf den Punkt:
„Das meiste Übel in dieser Welt [ist] nicht … auf böse Absichten, sondern auf die bösen Folgen eines unbegrenzten Willens zum Guten zurückzuführen.“

Was können wir also tun?

Vielleicht haben Sie einen Vorschlag? Schreiben Sie ihn mir gerne.
Meiner ist bis dahin: sich mit den eigenen inneren Stimmen zu beschäftigen; sich selbst nicht zu canceln; Feindbildern nicht mit Feindbildern zu begegnen; Ausgrenzung nicht mit Ausgrenzung zu beantworten; und den Moralapostel ab und zu ruhiger zu stellen. Ist er leiser, können Sie wieder hören, was jemand wirklich sagt, gelassen sein und wieder ins Gespräch kommen. Nur so können wir wirklich etwas bewirken.

 

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